Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
20. Februar 2026
Am 27. Januar, dem „Nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“, gedachten über 100 Pirnaer*innen den 6 Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden und unzähligen weiteren Opfern der faschistischen Schreckensherrschaft
An diesem wintertrüben, nasskalten Januartag versammelten sich in der elften Stunde nach und nach etwa 100 Menschen am Denkmal für die Opfer des Naziregimes. Zum jährlichen Gedenken hatte Landrat Michael Geißler eingeladen. Der Posaunenchor der evangelischen Kirchgemeinde verlieh der Zusammenkunft zusätzliche Würde. Anwesend waren Vertreter*innen verschiedener Parteien und Organisationen u. a. Superintendentin Brigitte Lammert. Sie säumten mit vielen Blumen den Platz vor dem Mahnmal.
Punkt 11 Uhr eröffnete Landrat Michael Geißler die Gedenkveranstaltung mit einer kurzen, prägnanten Rede. Er verwies auf die doppelte Bedeutung dieses 27. Januar 2026. An diesem Tag befreite die Sowjetarmee 1945 die noch 7.000 Häftlinge des Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Und auf den Tag genau vor 30 Jahren erklärte der damalige Bundespräsident Roman Herzog diesen Tag zum alljährlichen Nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Seitdem wird dieser bundesweit, so auch in Pirna, mit der Anteilnahme vieler Bürger*innen begangen. Mit nachdrücklichen Worten erinnerte Michael Geisler an die mörderischen Verbrechen der Nazi-Schreckensherrschaft. Millionen und Abermillionen Menschen trieb sie mit ihren Angriffskriegen, dem Terror in den Konzentrationslagern und mit unmenschlicher Zwangsarbeit in den Tod. Erinnern und Gedenken muss heute bei jedem einzelnen Menschen heißen: die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, in der Gegenwart höchst wachsam zu sein gegenüber Rechtsextremismus und erneutem nazistischem Gedankengut und engagiert für eine demokratische, friedliche und menschenwürdige Zukunft eintreten. Immer weniger Zeitzeug*innen können uns in dieser Gedenkarbeit unterstützen. Umso mehr braucht es Anstrengungen, insbesondere auch jungen Menschen die Konsequenzen aus den Verbrechen des Hitlerregimes nahezubringen.
Danach hielt Steffen Richter, Vorsitzender des Regionalverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge der VVN-BdA eine viel beachtete Ansprache. Er zitierte anfangs ein anrührendes Gedicht der Holocaust-Überlebenden Tamar Radzyner. Nach der Verlegung von Auschwitz in das KZ Stutthof und weiter in ein Dresdner Außenlager des KZ Flossenbürg gelang ihr auf dem Weg zum KZ Mockethal-Zatzschke die Flucht bis nach Polen. Mit ihrem Gedicht „Das Wörtchen“, damit meint sie das von den Faschisten verwendete, entwürdigende Wort „Jud“, geißelt sie Versuche der Verharmlosung und Verdrängung der faschistischen Judenverfolgung und –vernichtung, in der Nachkriegszeit.
Steffen Richter verwies auf die eine Million Menschen, die binnen vier Jahren allein im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurden. Dabei war das KZ Auschwitz eines von insgesamt 1000 Konzentrationslagern ab 1940 unter staatlicher Aufsicht. In der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem befindet sich das “Denkmal für die Kinder“, das den 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kindern gewidmet ist. Von einem Tonband sind der Name, das Alter und der Geburtsort jedes einzelnen Kindes zu hören. Das Tonband braucht etwa drei Monate, um alle Namen wiederzugeben. Dann beginnt die Wiedergabe von vorn. Es war zu spüren, wie tief die Versammelten diese Aussage in sich aufnahmen.
Im Weiteren nannte Steffen Richter die Namen von 16 Frauen, die in Pirna und in der Region lebten und den Nazis zum Opfer fielen. Besonders würdigte er die parteilose Charlotte Prozeck, die aus dem Lohmgrund in Großcotta stammte. Die junge Frau transportierte antifaschistische Literatur. „Lotte“ wurde 1934 festgenommen. Damals war sie 24 Jahre alt. Sie befand sich 18 Monate in Untersuchungshaft, ohne auch nur ein Detail ihrer Widerstandsarbeit zu verraten. Bis heute ist nicht bekannt, was aus ihr wurde.
„Geben wir den den Opfern ein Gesicht!“, forderte Steffen Richter. Dabei merkte er kritisch an, dass er sich wünschen würde, dass sich gerade die Schulen der Region in den Prozess der antifaschistischen Gedenkarbeit einbringen. Er schloss seine Ansprache mit einem Zitat des ehemaligen Bundesvorsitzenden der VVN und jüdischen Widerstandskämpfers, Peter Gingold:
„Unsere Eltern haben versagt, denn sie haben nicht zusammengefunden, um den Faschismus rechtzeitig zu bekämpfen. Dafür gibt es nur eine Entschuldigung: Sie wussten nicht, was Faschismus an der Macht bedeutet. Für uns gilt diese Entschuldigung nicht.“
Nach dieser Ansprache legten die Teilnehmer*innen am Mahnmal in einer sehr würdigen Atmosphäre ihre Blumen nieder. Selten bin ich so nachdenklich nach Hause gegangen, wie nach dieser dieser Veranstaltung.
Günter Tischendorf Mitglied der VVN-BdA

Ergänzungen zum Bericht von Günter Tischendorf
Nachvollziehbarer Weise fühlten sich Teilnehmende der Veranstaltung in Pirna durch die Anwesenheit des OB Tim Lochner („Mich trennt von der AfD gar nichts – außer das Parteibuch“) mindestens unwohl. Immer wieder stellte er sich in der Vergangenheit gegen den Pirnaer CSD und stellte dabei sogar einen Bezug zwischen Regenbogen- und Hakenkreuzfahne her. Mehrere Menschen nahmen die Anwesenheit von OB Lochner auch deshalb als Störung der wahr, eine Person äußerte dies auch lautstark am Ende der Gedenkveranstaltung.
Am Nachmittag fand dann die Gedenkveranstaltung an der Burg Hohnstein statt. Etwa 30 Teilnehmende kamen zusammen und erinnerten dabei auch an das ehemalige Konzentrationslager, welches vom 1933 bis 1934 auf der Burg eingerichtet wurde. In Heidenau gab es die traditionelle Gedenkveranstaltung am Nordfriedhof. Hier wurde über das Leben von Hilde und Hans Coppi gesprochen. Die beiden Widerstandskämpfer*innen wurden von den Nazis in Berlin-Plötzensee ermordet. Die Veranstaltung endete mit einer Kranzniederlegung. Zur selben Zeit trafen sich hunderte Menschen am Bahnhof Dresden-Neustadt, um an die Deportation jüdischer Dresdner*innen zu erinnern. Dabei waren auch Mitglieder unserer VVN-BdA, die mit dem antifaschistischen Chor Pir-Moll die Veranstaltung am Denkmal unterstützten.
